„Ist Blut dicker als Wasser, Herr Eikemann?“
Mit Geschwistern führen wir oft die längsten Beziehungen unseres Lebens – und zugleich die widersprüchlichsten. Sie können Halt geben, verletzen und uns weit über Kindheit und Familie hinaus prägen. Ein Gespräch mit dem Direktor der Südtiroler Familienberatungsstellen FaBe, Stefan Eikemann, über Blutsverwandtschaft, Rivalität und darüber, warum Geschwisterbeziehungen heute womöglich wertvoller sind denn je.
Inverview von Lisa Frei mit Stefan Eikemann (Bild links), Psychologe, Psychotherapeut, Trainer, Supervisor und Counsellor in Bozen.
Foto links ©: Anna Mayr
Ein Artikel der Straßenzeitung zebra. vom Februar 2026
zebra.: Haben Sie Geschwister und falls ja, wie haben die Sie geprägt?
Stefan Eikemann: Ja, ich habe einen älteren Bruder. Ob und wie er mich geprägt hat, ist gar nicht so leicht zu beantworten, weil Geschwistersein für mich etwas Selbstverständliches ist. Ich kenne es nicht anders. Oft merkt man erst im Vergleich, dass das eigene Erleben nicht der Normalfall ist. Ich wundere mich immer wieder, wie unterschiedlich Geschwisterbeziehungen sein können. Manche haben kaum Kontakt, andere sind sehr eng, wieder andere kämpfen ihr Leben lang miteinander. Da wird mir bewusst, dass meine Beziehung zu meinem Bruder eine Prägung hat – einfach, weil sie für mich normal ist.
In dieser zebra. geht es um Blut. Welche Bedeutung hat Blutsverwandtschaft heute noch und ist Blut wirklich dicker als Wasser?
Aus psychologischer Sicht kann man nicht einfach sagen, ob Blutsverwandtschaft wichtiger oder unwichtiger wird. Dafür ist das Thema zu komplex. Man muss unterscheiden zwischen dem, was wissenschaftlich allgemein gilt, und dem, was kulturell und biografisch geprägt ist. Wissenschaftlich betrachtet stimmt der Satz „Blut ist dicker als Wasser“ durchaus. Je näher Menschen verwandt sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass eine Verbindung bestehen bleibt – selbst dann, wenn es keine große Sympathie gibt. Gleichzeitig darf man das nicht romantisieren. Blutsverwandtschaft garantiert keine Nähe und keine Liebe. Aber sie schafft oft eine Art Grundbindung, die stabiler ist als andere Beziehungen.
Welche Rolle spielen dabei Lebensumstände und Kultur?
Eine sehr große. Ob Familien über Generationen hinweg zusammenleben oder über Kontinente verstreut sind, macht einen enormen Unterschied. Wenn mehrere Generationen auf einem Hof leben, entsteht eine andere Form von Nähe und Verbindlichkeit als in Familien, die räumlich weit auseinander sind. Aber selbst wenn Familien zerstreut leben, ist es oft so, dass der Kontakt zu Verwandten leichter aufrechterhalten wird als zu Freundschaften. Man bleibt eher mit einer Cousine in Madrid in Kontakt als mit einem ehemaligen Jugendfreund, selbst wenn die emotionale Nähe ähnlich gering ist. Blutsverwandtschaft wirkt hier wie eine Art „Kontaktkleber“.
„Blutsverwandtschaft wirkt wie eine Art Kontaktkleber.“
Familie wird oft automatisch mit Blutsverwandtschaft gleichgesetzt. War das immer schon so?
Nein. Historisch war Familie viel stärker als Haus- oder Lebensgemeinschaft gedacht. In der Antike war der Haushalt die kleinste soziale Einheit. Dort lebten nicht nur Blutsverwandte, sondern oft auch Bedienstete. Diese Gemeinschaft war auf Dauer angelegt. Es gab eine lebenslange gegenseitige Verpflichtung. Das unterscheidet sich stark von heutigen Arbeitsverhältnissen. Erst viel später wurde Familie stärker auf Blutsverwandtschaft reduziert. Heute erleben wir wieder neue Formen: Patchwork-Familien, Wahlverwandtschaften, enge Freundschaften, die familiäre Funktionen übernehmen.
Mit welchen Geschwisterbeziehungen kommen Menschen in die Familienberatungsstelle?
Bei kleinen Kindern kommen Geschwister oft gemeinsam. Ein Kind wird angemeldet, und plötzlich ist der Bruder oder die Schwester auch dabei. Besonders intensiv begleiten wir Geschwister aus hochstrittigen Trennungsfamilien. Diese Kinder leben oft über Jahre hinweg in sehr belastenden Situationen. In der Jugendzeit kommen Geschwister meist getrennt. Das ist die Phase der Ablösung, der Identitätsfindung. Da wird das Geschwister manchmal eher als Hindernis erlebt. Im Erwachsenenalter kommen Geschwister dann wieder gemeinsam, meist wegen Konflikten untereinander, wegen organisatorischer Fragen rund um die Pflege der Eltern oder wegen konkreter Entscheidungen.
Geschwisterbeziehungen spielen in Therapie und Beratung meist eher eine Nebenrolle. Zu Unrecht?
Das ist eine gute Beobachtung. In vielen therapeutischen Prozessen stehen Eltern oder Partnerschaften im Mittelpunkt, Geschwister tauchen eher am Rand auf. Teilweise ist das berechtigt, teilweise aber auch eine Verkürzung. Studien zeigen, dass Unterschiede zwischen Erst-, Zweit- oder Drittgeborenen statistisch kleiner sind als man lange angenommen hat. Aber Statistik sagt wenig über den Einzelfall. In der Praxis sieht man sehr deutlich, dass Geschwisterrollen sehr prägend sein können. Geschwister von Kindern mit Behinderung etwa übernehmen oft sehr früh Verantwortung, helfen mit, stellen eigene Bedürfnisse zurück. Auch größere Altersabstände erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind zur „Mit-Eltern-Figur“ wird. Solche Erfahrungen wirken weit ins Erwachsenenleben hinein.
Oft heißt es, Geschwister seien das erste soziale Trainingsfeld.
Die erste Beziehung ist eigentlich die zu den Eltern, aber diese ist asymmetrisch. Eltern haben mehr Macht, mehr Verantwortung, mehr Entscheidungsfreiheit. Geschwisterbeziehungen sind oft die ersten Beziehungen auf Augenhöhe, zumindest wenn der Altersunterschied gering ist. Und genau das macht sie so lehrreich – und so konfliktanfällig. Auf Augenhöhe muss ich verhandeln, Grenzen setzen, Kompromisse finden, mich durchsetzen. Das ist anstrengend, aber es schult Fähigkeiten, die wir später in Partnerschaften, Freundschaften und im Beruf dringend brauchen.
Wie ist das bei Einzelkindern?
Viele Unterschiede sind lediglich statistisch. Einzelkinder haben oft weniger Übung im Teilen und im Umgang mit Enttäuschung und Konkurrenz, weil elterliche Aufmerksamkeit nicht aufgeteilt werden muss. Das heißt aber nicht, dass Einzelkinder irgendwie benachteiligt sind. Das meiste wird später in Kindergarten, Schule und innerhalb von Freundschaften kompensiert.
Warum sind manche Geschwister sehr eng, andere dauerhaft zerstritten?
Geschwisterbeziehungen sind oft die längsten Beziehungen unseres Lebens. Sie beginnen früh und enden spät. Manche bleiben eng verbunden, andere pendeln zwischen Nähe und Kontaktabbruch. In konflikthaften Beziehungen gibt es häufig chronische Muster: Der eine greift an, die andere zieht sich zurück. Oder jemand reagiert ruhig, aber verletzend. Diese Muster haben oft mit alten Kränkungen zu tun, mit dem Gefühl, nicht ausreichend gesehen oder anerkannt worden zu sein, meist in der Kindheit. Das heißt nicht automatisch, dass Eltern „schuld“ sind. Wahrnehmung spielt eine große Rolle. Kinder erleben gleiche elterliche Zuwendung auch sehr unterschiedlich.
Können Eltern späteren Konflikten unter Geschwistern vorbeugen?
Sie können viel beitragen, aber nicht alles verhindern. Wichtig ist es, Familiensinn vorzuleben: respektvoll über Verwandte zu sprechen, Verantwortung zu zeigen, Verbindungen zu pflegen und wertzuschätzen. Außerdem sollten Eltern versuchen, jedes Kind als eigenständige Person wahrzunehmen und gleichzeitig fair zu sein – im Geben und im Zumuten. Kinder brauchen nicht nur Schutz, sondern auch Herausforderungen. Und Eltern sollten vorsichtig mit Bewertungen sein, auch mit positiven. Anerkennung ist wichtig, aber permanente Bewertung wird irgendwann abgelehnt.
Viele Konflikte eskalieren beim Erben. Warum gerade dann?
Beim Erben kommen alte, ungelöste Themen wieder an die Oberfläche. In Südtirol verschärft zum Beispiel das Modell der geschlossenen Höfe diese Dynamik. Was volkswirtschaftlich sinnvoll ist, kann emotional sehr belasten. Hilfreich können hier etwa zwei Gedanken sein: Erstens, Erbe ist kein Recht, sondern ein Geschenk. Zweitens sollte man nicht nur Besitz vergleichen, sondern ganze Lebensentwürfe. Wer den Hof übernimmt, übernimmt Arbeit, Verantwortung und oft die Pflege der Eltern.
Können zerstrittene Geschwister wie-der zueinanderfinden? Und sollten sie das überhaupt?
Man sollte Geschwisterbeziehungen nicht moralisch überhöhen. Niemand muss sich verstehen. Aber Geschwister sind oft langfristige Anker im Leben. Mit zunehmendem Alter werden viele Konflikte milder – vorausgesetzt, es gab keinen endgültigen Bruch. Es kann sinnvoll sein, diese Tür offen zu lassen. Das Leben ist unberechenbar, und Geschwister können im Alter an Bedeutung gewinnen, wenn andere Beziehungen wegfallen. Somit ist Blutsverwandtschaft in einer Zeit kleiner Familien vielleicht sogar wertvoller geworden als früher. Nicht, weil sie ideal ist, sondern weil sie seltener ist.
„Mit zunehmendem Alter werden viele Konflikte milder.“
©Anna Mayr
Die Südtiroler Familienberatungsstellen (FaBe) bieten Beratung für Familien, Paare, Kinder, Jugendliche und Einzelpersonen bei familiären Konflikten, Erziehungsfragen, Partnerschaftsproblemen, Trennungssituationen und persönlichen Krisen. Die Beratung erfolgt durch Psycholog*innen, Sozialpädagog*innen und Sozialar-beiter*innen, die an den verschiedenen Standorten im ganzen Land arbeiten. Nähere Informationen: www.familienberatung.it