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Das absolute Minimum

Das absolute Minimum

Was kostet ein würdiges Leben? Und wer sorgt dafür, dass es sich alle leisten können? Schon seit der Antike haben sich Denker*innen die Frage gestellt, wer für die Überwindung von Armut verantwortlich ist und wie sie sich wirksam bekämpfen lässt. Der Versuch eines Überblicks.

Text: Anna Palmann
Grafik ©: Alice Makselj

Ein Artikel der Straßenzeitung zebra. vom März 2026


„Reicher Mann und armer Mann standen da und sah’n sich an. Und der Arme sagte bleich: Wär’ ich nicht arm, wärst Du nicht reich.“

Was Bertolt Brecht damals dichtete, ist heute aktueller denn je. Doch während er die Verantwortung für soziale Ungleichheit bei den Reichen verortete, ist dies in einer globalisierten, vom Neoliberalismus gezeichneten Gegenwart etwas komplexer. Fest steht: Die Schere zwischen Arm und Reich geht weltweit immer weiter auseinander. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich Gesellschaften immer wieder gefragt, ob und wie der Staat diesem Problem entgegenwirken soll und dazu verschiedene Konzepte erdacht (siehe folgende Seiten). Eines der aktuell prominentesten ist der Mindestlohn. Viele Wirtschaftsexpert*innen sehen in ihm große Vorteile: Einerseits soll er ungleichen Einkommensverhältnissen vorbeugen und vor Ausbeutung schützen, andererseits treibe er die Wirtschaft an, da mehr Geld in Umlauf gebracht wird. Aus psychologischer Sicht soll die finanzielle Sicherheit die Arbeitsmoral und Produktivität steigern. Kritiker*innen zufolge sorge der Mindestlohn jedoch insgesamt für ein geringeres Jobangebot, da Arbeitgeber*innen weniger Geld zur Verfügung steht und sie mitunter weniger Personen beschäftigen können. Zudem steige mit dem Lohn oft auch das Arbeitspensum und es werden mehr befristete oder Teilzeitstellen vergeben. Das sorge nicht nur für weniger Jobsicherheit, sondern auch für mehr Stress bei der Arbeit und weniger Chancen für Personen am Beginn ihrer Karriere, weil oft qualifizierte Angestellte bevorzugt werden.

Studien zur Wirtschaftsentwicklung zeigen außerdem, dass die Erwerbsarmut stetig zunimmt.

Forscher*innen der GISMA University of Applied Sciences in Potsdam verglichen Mindest- und Durchschnittseinkommen mit den Lebenshaltungskosten in verschiedenen EU-Ländern. Das Ergebnis war ernüchternd: Nur in Belgien bleibt Mindestlohnempfänger*innen nach Bezahlung aller Kosten noch Geld übrig. In allen anderen Ländern im Vergleich fehlt am Ende des Monats das Geld. In Zypern beträgt das monatliche Defizit sogar mehr als 900 Euro. Betroffene, die sogenannten „Working Poor“, sind in einem Armutskreislauf gefangen: Sie arbeiten zwar – oft auch Vollzeit –, generieren aber trotzdem nicht genügend Einkommen, um ein Leben oberhalb der Armutsgrenze zu führen. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als sechzig Prozent des Durchschnittseinkommens verdient. Der Mindestlohn wird oft auf der Basis dessen berechnet, in Zeiten rasch steigender Lebenshaltungskosten und Inflation reicht dieser aber nicht aus, um Menschen vor dem Prekariat zu bewahren.

Brauchen wir also einen anderen Ansatz? Die Ideengeschichte kennt zahlreiche Alternativen – manche abstrakt, manche bereits ausgefeilt – an denen wir uns orientieren können, um die Diskussion über Mindeststandards anzukurbeln: von gezielten staatlichen Eingriffen und Agrarsteuern bis hin zum bedingungslosen Grundeinkommen.

„Ein Volk, das in Armut lebt, kann keine Güte und feste Moral bewahren.“

„Ein Volk, das in Armut lebt, kann keine Güte und feste Moral bewahren.“ ©Alice Makselj

Für den von Konfuzius inspirierten chinesischen Gelehrten Mengzi (um 370–290 v. Chr.) ist der Mensch von Natur aus gut. Wenn Arme nicht moralisch korrekt handeln, ist das nicht ihre Schuld, denn ohne finanzielle Sicherheit ist dies gar nicht möglich. Der Staat hat in seiner Philosophie die Rolle eines Gärtners, der sich um das Wachstum der Menschen kümmern soll. In Zeiten von Ressourcenknappheit sollen Steuern deshalb die Ärmeren versorgen und so Chaos vorbeugen.

„Eine breite Mittelschicht ist der Schlüssel zum sozialen Frieden, da sie Extreme wie Hochmut oder Bösartigkeit vermeidet.“

„Eine breite Mittelschicht ist der Schlüssel zum sozialen Frieden, da sie Extreme wie Hochmut oder Bösartigkeit vermeidet.“ ©Alice Makselj

Aristoteles (384–322 v. Chr.) sieht die Tugendhaftigkeit des Einzelnen als Voraussetzung für ein glückliches Leben. Um dieses zu verwirklichen, sind äußere Güter wie Besitz, Unabhängigkeit und soziale Stellung notwendig und auch Arme haben ein Anrecht darauf. Wie bei seiner Tugendlehre, steht auch beim Staat die Idee von der goldenen Mitte, also die Mäßigung zwischen Extremen – in diesem Fall arm und reich – im Vordergrund. Soziale Unterstützung für Arme hat das Ziel, die Unabhängigkeit und Charakterbildung anzutreiben und eine starke Mittelschicht zu etablieren, um die Stabilität der Gesellschaft zu gewährleisten.

©Alice Makselj

Thomas von Aquin (1225–1274) verbindet aristotelische Philosophie mit christlicher Moral. Er stellt das Gemeinwohl über das Wohl des Individuums und ist Vordenker einer gerechten Lohn- und Preispolitik zum Schutz der Armen. Obwohl er die Ständeordnung des Mittelalters akzeptiert, betrachtet er Almosen als moralische Pflicht: Alles, was ein Mensch über seinen standesgemäßen Bedarf hinaus besitzt, soll er an jene abgeben, die sich in Not befinden. Dies begründet auch die Tradition kirchlicher Sozialstiftungen.

„Keine Gesellschaft kann blühen und glücklich sein, wenn der größte Teil ihrer Mitglieder in Armut und Elend lebt.“

„Keine Gesellschaft kann blühen und glücklich sein, wenn der größte Teil ihrer Mitglieder in Armut und Elend lebt.“ ©Alice Makselj

Adam Smith (1723–1790) auf dieser Liste zu sehen, mag auf den ersten Blick überraschen, denn er ist bekannt als liberaler Vertreter des sich selbst regulierenden Marktes. Obwohl ihm zufolge ein funktionierender Markt und nicht ein Sozialstaat Armut vorbeugen können, vertritt auch er die Meinung, dass die ärmeren Mitglieder der Gesellschaft unterstützt werden sollen. Kleine Eingriffe von Seiten des Staates, wie öffentliche Bildungsförderung oder Unterstützung bei extremer Not, sind angemessen, um Armut zu bekämpfen und die Gesellschaft insgesamt weiterzubringen.

©Alice Makselj

Thomas Paine (1737–1809) ist nicht nur einer der Gründerväter der USA, sondern auch ein Vordenker des modernen Sozialstaats. Armut betrachtet er nicht als persönliches Versagen, sondern als Folge ungleicher Landverteilung. Ihm zufolge gehört die Erde allen Menschen gleichsam. Doch weil ein Ungleichgewicht in Einkommen und Grundbesitz besteht, fordert er in seinem Pamphlet „Agrarische Gerechtigkeit“ eine Bodenpacht als Entschädigung. Diese fließt in einen Staatsfond und wird allen – egal ob arm oder reich – ab dem 21. Lebensjahr ausgezahlt, um sie für den Verlust ihres natürlichen Anrechts auf Land zu entschädigen. Dies wird als Vorläufer des bedingungslosen Grundeinkommens angesehen.

„Menschen sind nicht voneinander getrennte Individuen, sondern miteinander verbunden und das Handeln des Einzelnen wirkt sich auf die ganze Welt aus.”

„Menschen sind nicht voneinander getrennte Individuen, sondern miteinander verbunden und das Handeln des Einzelnen wirkt sich auf die ganze Welt aus.” ©Alice Makselj

Ubuntu bedeutet so viel wie „Ich bin, weil wir sind“ und bezeichnet eine Lebensphilosophie, die auf dem afrikanischen Kontinent seit Jahrhunderten gelebt wird und von Menschenrechtsaktivist*innen wie Desmond Tutu (1931–2021) einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wurde. Da im kollektivistischen Verständnis des Zusammenlebens das Wohlergehen einer Einzelperson eng mit jenem der Gemeinschaft verbunden ist, streben alle Mitglieder nach einer fairen Verteilung von Gütern und Reichtum. Ubuntu als lokale Wirtschaftsphilosophie spielte auch bei der postkolonialen Staatenbildung in Simbabwe, Malawi und Südafrika eine Rolle.

„Armut ist nicht nur ein Mangel an Geld, sondern die Unfähigkeit, das eigene Potential als Mensch zu entfalten.“

„Armut ist nicht nur ein Mangel an Geld, sondern die Unfähigkeit, das eigene Potential als Mensch zu entfalten.“ ©Alice Makselj

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen (*1933) revolutionierte die Frage zum Existenzminimum, indem er den Fokus weg vom reinen Einkommen als Maßstab legte. Bei seinem Befähigungsansatz stehen stattdessen die realen Chancen einer Person zur Selbstverwirklichung im Vordergrund. Materielle Ressourcen dienen als Mittel zum Zweck, unterscheiden sich aber von Person zu Person. Ein Fahrrad nützt zum Beispiel einer gelähmten Person nichts. Der Staat muss also nicht nur Güter verteilen, sondern auch sicherstellen, dass sie zur Verbesserung der Lebensqualität eines Menschen beitragen. Was solche Verwirklichungschancen sind, soll auf demokratische Weise geregelt werden. Martha Nussbaum (*1947) konkretisierte Sens Ansatz mit einer Liste kulturübergreifender, universeller Grundwerte, die verfassungsrechtlich garantiert werden sollen, wie etwa körperliche Gesundheit, soziale Teilhabe oder Bildung.

©Alice Makselj

„Eine nachhaltige Steigerung der Produktivität einer Wirtschaft wird nicht dadurch am besten erreicht, dass man Menschen in Jobs festhält, die sie hassen.”

„Eine nachhaltige Steigerung der Produktivität einer Wirtschaft wird nicht dadurch am besten erreicht, dass man Menschen in Jobs festhält, die sie hassen.” ©Alice Makselj

Als einer der prominentesten Vertreter des bedingungslosen Grundeinkommens argumentiert Philippe van Parijs (*1951), dass jede Person ein regelmäßiges Einkommen vom Staat erhalten sollte, ohne dafür eine bestimmte Arbeit leisten oder Bedürftigkeit nachweisen zu müssen. Dieses Einkommen ist also universell und unabhängig von Lebensstil oder Beschäftigung: Sogar ein Surfer, der den ganzen Tag in Malibu am Strand liegt, soll ein Einkommen vom Staat bekommen. Van Parijs betrachtet finanzielle Sicherheit und eine gerechte Verteilung von Wohlstand als grundlegende Voraussetzung dafür, dass Menschen selbstbestimmt handeln und ein würdiges Leben führen können.  

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