Au, Backe!
Wenn die Zähne schmerzen, leidet oft auch das Bankkonto. Warum Zahngesundheit nach wie vor ein Klassenproblem ist, und das gleich aus mehreren Gründen.
Text: Matthias Fleischmann
Illustrationen: Alice Makselj
Ein Artikel der Straßenzeitung zebra. vom Mai 2026
Designerklamotten, der Porsche vor dem Eingangstor, Kreuzfahrten ans andere Ende der Welt. Wohlstand lässt sich an vielen Dingen ablesen. Eines davon tragen wir immer mit uns, buchstäblich ins Gesicht geschrieben: unsere Zähne. Studien der vergangenen Jahrzehnte zeichnen ein klares Bild vom Zusammenhang zwischen Zahngesundheit und sozialer Klasse. Menschen aus einkommensschwächeren Schichten leiden häufiger an Zahnerkrankungen, von Karies bis hin zu Zahnverlust. Ihre Zähne sind im Schnitt beschädigter, weniger strahlend und oft auch weniger zahlreich. Die Gründe dafür sind vielfältig. Häufig fehlt es an Prävention: Routineuntersuchungen oder professionelle Zahnreinigungen werden seltener wahrgenommen. In anderen Fällen mangelt es je nach geografischer Lage am Zugang zu zahnärztlicher Versorgung oder schlicht am Geld. Denn Zähne kosten, und das ganz schön viel.
Zahlen statt Warten
Geschichten, in denen eine Zahnarztrechnung Menschen finanziell aus der Bahn wirft, sind in Südtirol keine Seltenheit. Selbst für Durchschnittsverdienende ist eine Rechnung von mehreren tausend Euro nicht leicht zu stemmen, und Schuldnerberatungen berichten zunehmend von Fällen, in denen wegen hoher Kosten zahnmedizinischer Eingriffe Hilfe gesucht wird. Ein Grund dafür liegt im System, denn Zahnmedizin wird zu großen Teilen privat organisiert. Nur ein kleiner Anteil der Leistungen läuft über die öffentliche Hand. Entsprechend hoch ist der private Kostenanteil. Innerhalb der Gesundheitsausgaben ist die Zahnmedizin hier der größte Teilbereich: Mehr als jeder fünfte Euro, den italienische Haushalte für Behandlungen, Untersuchungen oder Medikamente aus eigener Tasche bezahlen, fließt in zahnärztliche Leistungen.
Die Alternative, der öffentliche Gesundheitsdienst, ist oft keine realistische Option, denn die Kapazitäten sind begrenzt und die Wartezeiten lang. Eine Studie unter Beteiligung der Universität Bologna und weiterer Forschungseinrichtungen zeigt, wie die Bevölkerung darauf reagiert. Immer mehr Menschen haben sich dazu entschieden, zumindest einmal im Leben für eine Gesundheitsleistung privat zu bezahlen. Der Anteil stieg von 79 Prozent im Jahr 2006 auf rund 92 Prozent im Jahr 2019. Ausschlaggebend war dabei vor allem der Wunsch, Wartezeiten zu vermeiden. Hinzu kommt, dass das öffentliche Angebot häufig auf Basisversorgung und Notfälle beschränkt bleibt. Wer akute Zahnbeschwerden hat oder schnellere Eingriffe benötigt, Kronen einsetzen, Zahnspangen montieren oder Prothesen einsetzen lassen will, muss auf den privaten Dienst zurückgreifen und mit hohen Kosten rechnen.
Die große Lücke
Wie stark diese Belastung ins Gewicht fällt, zeigen Daten des Gesundheits-Forschungszentrums CERGAS an der Mailänder Universität Bocconi. Laut ihrer Untersuchung zu privaten Gesundheitsausgaben in Italien gaben Südtiroler und Südtirolerinnen im Jahr 2016 durchschnittlich 242 Euro für ihre Zähne aus. Rechnet man jene weg, die dafür generell nicht in die Tasche greifen, steigt der Wert auf 520 Euro – also 170 mehr als der italienische Durchschnitt. Und da die Zahlen noch aus der Zeit vor der Pandemie stammen, dürften sie aufgrund der Kostensteigerungen inzwischen noch höher sein. Gleichzeitig offenbaren die Daten ein deutliches Gefälle, sowohl aus geografischen als auch aus sozialen Gründen. Während in Trentino-Südtirol fast jede zweite Person jährlich zahnärztliche Leistungen in Anspruch nimmt, ist es in Kampanien nur etwa jede vierte. Noch gravierender sind die Unterschiede zwischen Einkommensgruppen: Während die einkommensschwächsten fünf Prozent der italienischen Haushalte im Schnitt rund 25 Euro im Monat für Gesundheitsausgaben aus eigener Tasche zahlen, geben die obersten fünf Prozent mehr als das Zehnfache aus. Besonders stark wirkt sich diese Ungleichheit im Bereich der Zahnmedizin aus. Hinzu kommt, dass in den reichsten Haushalten nur rund zehn Prozent überhaupt keine privaten Gesundheitsausgaben tätigen, während es bei den ärmsten mehr als die Hälfte ist.
Zahngesundheit ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich Armut selbst reproduziert.
Das heißt auch, dass ärmere Menschen seltener zum Zahnarzt gehen, mit weitreichenden Folgen. Denn vor allem Routineuntersuchungen und Vorbeugungsmaßnahmen sind langfristige Investitionen, die eine Zahnkatastrophe und damit eine Kosteneskalation verhindern können. Wer schon einmal wenig Geld auf dem Konto hatte, weiß aber, dass solche Ausgaben im Notstand auf die lange Bank geschoben werden. Damit beginnt der Teufelskreis: Zahnschmerzen werden ignoriert, man hofft auf plötzliche Besserung, und mit der Zeit wird es schlimmer, bis es nicht mehr geht. Deshalb ist Zahngesundheit auch ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich Armut selbst reproduziert. Wer die kleinen jährlichen Kosten nicht stemmen kann, zahlt am Ende den Preis. Besonders schlimm wird es bei Menschen, die auf der Straße leben. Hier fehlen nicht nur die Zahnarztbesuche, sondern auch die tägliche Mundhygiene und eine ausgewogene Ernährung. Wer von der Hand in den Mund lebt, hat dafür oft nicht viel übrig.
Mehr als nur Beißer
Ein gutes Gebiss ist mehr als die Summe seiner 32 Teile. Es ist ein Symbol für Gesundheit und körperliche Integrität. Es begleitet uns ein Leben lang, vom Milchzahn bis zu den Dritten, und findet sich auch im Unterbewusstsein wieder: Der Verlust von Zähnen gehört zu den häufigsten Albtraummotiven und wird oft mit Kontrollverlust oder Unsicherheit in Verbindung gebracht. Ein funktionierendes Set Zähne ist ein tief menschliches Bedürfnis. Zugleich ist ein strahlendes Lächeln vor allem eines: schön. Und Schönheit zahlt sich aus. Der sogenannte Beauty Bias – die psychologische Tendenz, attraktiven Menschen unterbewusst positive Eigenschaften wie Intelligenz oder Vertrauenswürdigkeit zuzuschreiben – verschafft enorme Vorteile im Alltag: bessere Jobchancen, mehr soziale Anerkennung, geringere Strafen vor Gericht, größere Erfolgsaussichten bei der Partnersuche. Zähne werden somit zu einem zentralen Bestandteil dessen, was man als ästhetisches Kapital bezeichnen kann. Und da wären wir wieder beim Thema Klassenunterschied.
Am Einzelmenschen wird dieser Unterschied besonders spürbar. So schreibt der französische Schriftsteller Édouard Louis in seinen Büchern immer wieder vom Versuch, ein anderer zu werden, von seinem Aufstieg aus dem Prekariat in die gehobene Gesellschaft. Was dazu nötig war: Die Korrektur seines durch Vernachlässigung beschädigten Gebisses. Zähne sind heute mehr Statussymbol denn je. Und die Lücke zwischen arm und reich wächst. Zwar hat der Fortschritt mehr breitflächige Versorgung ermöglicht, doch die Extreme haben sich zugleich verschärft. Auf Bildschirmen und Werbeplakaten blitzen uns makellose, unnatürlich aufgehellte Zahnreihen entgegen, perfekt in Reih und Glied, während anderswo jemand mit geschlossenem Mund herumläuft, weil er sich für sein Lächeln schämt.