+39 0472 208 208   bildung@oew.org Leichte und Einfache Sprache Hoher Kontrast Links unterstrichen
Alles auf Augenhöhe

Alles auf Augenhöhe

Die Brixnerin Elina Kostner bildet ihren Pudelmischling Juna zum Assistenzhund aus – und erarbeitet sich Schritt für Schritt mehr Unabhängigkeit in einem Alltag, der sie als kleinwüchsige Frau vor viele Herausforderungen stellt.

Text: Valentina Gianera
Fotos ©: Anna Mayr

Ein Artikel der Straßenzeitung zebra. vom März 2026

 

 


Verlegen schnappt sich Elina Kostner eine der Katzen, die durchs Haus streifen, hebt sie hoch und gibt ihren Händen etwas zu tun. Ein Blick zum Wohnzimmertisch, wo ich Notizblock und Aufnahmegerät vorbereite. Die Katze schlüpft zwischen ihren Armen hindurch und huscht davon. Elina schaut ihr kurz nach, dreht sich dann zum Tisch, zieht sich auf einen Stuhl hoch. Dann hopst sie – jetzt schon etwas sicherer – wieder herunter und setzt sich mir gegenüber. Eine Hand vergräbt sie in Junas goldbraunen Locken, die andere legt sie vor sich auf den Tisch.

Assistenz auf vier Pfoten

Juna ist Elinas acht Monate alter Pudelmischling, den die 17-jährige Schülerin zum Assistenzhund ausbildet.

Denn: Elina ist kleinwüchsig. Ein Assistenzhund kann sie in bestimmten Situationen unterstützen. „Allein ihre Anwesenheit gibt mir Sicherheit“, sagt Elina. Dass Juna zum Assistenzhund ausgebildet wird, hat die Brixnerin selbst eingefädelt. „Das war lange schon mein Traum“, meint sie, „aber die Ausbildung ist ziemlich teuer“. Also hat sie sich eines Nachmittags an den PC gesetzt und eine GoFundMe-Kampagne online gestellt. Einfach so. Ihre Eltern, die zuvor aufgrund der hohen Kosten und schwierigen Ausbildung einige Bedenken hatten, hat sie erst gar nicht gefragt.

Im Begleittext zur Kampagne schreibt Elina ein paar Zeilen über sich selbst, über das Leben mit Achondroplasie, der häufigsten Form von Kleinwüchsigkeit, und darüber, „selbstständig leben, meine Ziele verfolgen und mein Leben aktiv gestalten“ zu wollen. 15.000 Euro will sie mit der Kampagne sammeln. Knapp ein Drittel davon hat sie nach acht Monaten bereits erreicht.

Und auch Juna hat inzwischen Fortschritte gemacht. Auf ihrem Instagram-Kanal sieht man, wie die beiden gemeinsam das Busfahren üben, einkaufen gehen und Stadttraining machen. Stadttraining heißt, sich unter Menschenmengen zu begeben, mit anderen in Kontakt zu treten. Für Elina bedeutet es aber auch, sich Blicken und Kommentaren zu stellen und sich immer wieder vor Rucksäcken und Ellenbogen zu schützen, die auf Gesichtshöhe hängen. Dass die 17-Jährige von ihrer Hündin begleitet wird, gibt ihr Sicherheit – und führt dazu, dass andere auf sie zugehen. „Jemand sagt dann vielleicht: Ist das ein süßer Hund“, erzählt Elina, „oder sie haben mich auf Instagram gesehen und sprechen mich an.“

©Anna Mayr

Blicke und Barrieren

Die positive Sichtbarkeit, die Elina durch das Hundetraining erhält, gibt ihr Kraft, mit blöden Blicken oder Kommentaren umzugehen: „Ich bin es mittlerweile gewohnt“, sagt die Schülerin. „Manchmal stecke ich die Blicke einfach weg, andere Male machen sie mich unsicher oder nervös.“ Das hängt auch davon ab, wie viele komische Blicke sie an einem Tag bekommt: An manchen Tagen sind es „nur fünf“, an anderen Tagen sind es 15. „Das macht einen Unterschied“, sagt Elina. „Ich merke dann, dass ich schneller gereizt bin oder weniger Geduld habe“.

Resilienz braucht die 17-Jährige auch bei unüberlegten Kommentaren: Zum Beispiel dann, wenn andere sie wie ein Kindergartenkind behandeln und entsprechend mit ihr reden. „Das nervt“, meint Elina, „auch wenn es nicht böse gemeint ist“. Genauso nervig findet sie es, wenn andere annehmen, dass ihr Bruder der Ältere sei, nur weil er größer ist: „Sie sagen dann vielleicht: Ah, bist du heute mit deinem großen Bruder unterwegs?“, erzählt sie. Dabei ist er knapp zwei Jahre jünger als Elina.

Den Vergleich mit anderen spürt die junge Frau vor allem dort, wo Dinge nicht für ihre Körpergröße geplant wurden: Aufzugknöpfe, die zu hoch sind, hohe Treppen oder Geländer. Und auch beim Nachspeisenbuffet: „Wenn es viele leckere Sachen gibt und mein Bruder ganz viel essen kann, während ich schon nach wenigen Dingen satt bin, dann ärgert mich das“, meint Elina halb im Scherz.

Story teilen

Trotzdem: Anders als beim Kuchenbuffet schafft sie die allermeisten Dinge, die sie sich in den Kopf setzt. Nur braucht sie dafür viel mehr Geduld: „Beim Einsteigen ins Auto oder in den Bus brauche ich länger als andere und Alltägliches kostet mehr Kraft und Zeit.“

Will die Brixnerin an Dinge kommen, die weiter oben liegen, muss sie sich zuerst eine Strategie überlegen. Sie angelt sich den Gegenstand dann vielleicht mit einem Stock oder mit einem Besen oder zieht sich mit Hilfe von anderen Möbelstücken hoch. Die dafür notwendigen Tricks schaut sie sich von Instagram ab und gibt sie dann auch gleich weiter:

„Einmal die Woche kümmere ich mich am Nachmittag um ein kleinwüchsiges Mädchen einer befreundeten Familie und zeige ihr, wie sie sich in bestimmten Situationen helfen kann“, erzählt Elina.

Weil sie selbst oft Hilfe annehmen durfte – von finanzieller Unterstützung für die vielen Operationen bis hin zu kleineren Hilfestellungen im Alltag –, sucht Elina nach solchen Situationen, in denen auch sie Hilfe anbieten kann. In der Kita zum Beispiel, wo die Schülerin des Sozialwissenschaftlichen Gymnasiums vor kurzem ein Praktikum absolviert hat: „Hier kann ich die Kleinen auch körperlich unterstützen. Und noch etwas: Ich kam rein und war sofort normal.“

Mit einer anderen kleinwüchsigen Person zu sprechen, die eine ähnliche Geschichte teilt, würde sich Elina wünschen. Obwohl sie eine Handvoll kleinwüchsiger Menschen in Südtirol kennt, geht die Bekanntschaft meist nicht über eine flüchtige Begegnung hinaus: „Ich kenne einige, weil wir im Krankenhaus öfter im selben Flügel warten“, sagt sie. „Aber die sind dann meist älter oder jünger als ich“. Denn: Achondroplasie gehört zu den seltenen Krankheiten und betrifft laut Rivista Italiana delle Malattie Rare etwa einen von 25.000 Menschen. In einer Kleinstadt wie Brixen sind die Möglichkeiten, mit Gleichaltrigen ins Gespräch zu kommen, deshalb gering.

Die Unterstützung, die dadurch wegfällt, holt sich Elina wie erwähnt über Instagram. Und von Juna. Im Moment übt sie mit ihr Socken ausziehen, Dinge holen und aufheben. Jedes Mal vom Stuhl herunterzusteigen, wenn etwas auf den Boden fällt, ist nämlich auch anstrengender als sich zu bücken. Manche Dinge haben sich auch Elinas Eltern einfallen lassen. So baumeln im Badezimmer heute noch Verlängerungsschnüre an der Türklinke (mittlerweile braucht Elina diese nicht mehr), die Treppenhöhe wurde angepasst und auch die Küchenzeile sowie die Toilette tiefergelegt. Wo das nicht der Fall ist, bei Freund*innen oder im Urlaub zum Beispiel, muss Elina auch mal über die Badewanne oder ein naheliegendes Bidet auf die Toilette klettern.

Wohnortsnahe (Un)Möglichkeiten

In ihrem Zimmer zeigt mir die junge Frau ein ihrer Größe entsprechendes Bett, in dem sie mit Juna – manchmal auch mit Hundemama Lotta und Katze Simba – schläft. An den Wänden hängen kunstvoll gemalte Katzenbilder, am Schreibtisch ein Hundepuzzle. Und auch auf dem Pullover, in den Elina nach ihrer Theateraufführung in der Schule geschlüpft ist, prangen der Reihe nach einige Hunderassen: Dachshund neben Schnauzer neben Maltipoo. Elina mag die Tiere. Und sie kennt sich aus: „Ich glaube, ich kann ganz gut mit ihnen“, meint sie, „und durch die Ausbildung lerne ich viel“.

Dabei verlässt sich die Brixnerin auf die Hilfe von Hundetrainerin Kathrin Meraner und eines speziellen Ausbildungszentrums in Österreich. „In Südtirol und allgemein in Italien sind Assistenzhunde wenig verbreitet“, sagt Elina – und auch andere Angebote für Menschen mit Behinderung seien rar. Beim Sport zum Beispiel: Elina fährt zwar Ski, es gibt aber keine Gruppe, mit der sie auf ungefähr gleichem Niveau trainieren könnte. Und auch beim Schwimmtraining gibt es seit kurzem keinen Platz mehr für sie. „Früher ist mir das nie passiert, irgendwo nicht mitmachen zu dürfen“, sagt sie. Dass in den letzten Monaten gleich mehrere Gruppen weggebrochen sind, sei einerseits Zufall, andererseits könnten auch steigender Leistungsdruck und Professionalisierung eine Rolle spielen. „Ich kann das verstehen“, sagt Elina, „aber ich vermisse die fixen Verabredungen mit anderen Gleichaltrigen.“ Denn ohne Gruppe und ohne Verabredung fällt alles auf ihre eigene Motivation zurück. „So passiert es, dass ich am Nachmittag manchmal einfach zu Hause bleibe“.

Dazu kommt, dass Elina wegen ihrer Kleinwüchsigkeit auch nicht so flexibel sein kann wie andere. Will sie sich nach der Schule mit Freund*innen treffen, ist sie oft „auf das Mama-Taxi angewiesen“. Vor allem jetzt, wo sie in Bozen zur Schule geht – im Sozialwissenschaftlichen Gymnasium in Brixen hatte das Bildungspersonal teils wenig Verständnis für ihre Situation – und viele ihrer Schulfreund*innen weiter weg wohnen. Dieser manchmal nervigen Abhängigkeit hofft Elina in Zukunft nicht nur die Unterstützung ihres Assistenzhundes entgegenzustellen, sondern auch einen eigenen Führerschein: „Damit könnte ich noch selbstständiger sein“, meint Elina, die sich bereits über entsprechende Möglichkeiten informiert hat.

Zum Abschied nehmen mich Elina und Juna noch mit in die Stadt. Als der Bus zur Haltestelle kommt, steigen die beiden nacheinander ein. Elina lehnt sich an einen Sitz – „dann bin ich beim Aussteigen schneller“ – und Juna stellt sich pflichtbewusst vor sie. Als der Bus abrupt bremst, fällt Elina nach vorne, Juna weicht aus. Gelassen richtet sich die junge Frau wieder auf. „In solchen Situationen kann mich Juna in Zukunft vielleicht stabilisieren“, sagt sie. Bis dahin trainieren die beiden weiter – und appellieren an das Feingefühl ihrer Mitmenschen.

 

 

Immer wieder wird Elina an der Bushaltestelle einfach stehengelassen, „weil man mich nicht als Person wahrnimmt, die einsteigen möchte”. Juna gibt Elina mehr Präsenz und Sichtbarkeit. Immer wieder wird Elina an der Bushaltestelle einfach stehengelassen, „weil man mich nicht als Person wahrnimmt, die einsteigen möchte”. Juna gibt Elina mehr Präsenz und Sichtbarkeit. ©Anna Mayr
©Anna Mayr
©Anna Mayr

Wer die Geschichte von Elina und Juna mitverfolgen will, findet sie auf Instagram unter assistant_paw_juna.

Verwandte Themen

Angry Cripples

Podcast

Ein Diskussionsabend im Rahmen der Serie "Ans Eingemachte" zum Thema Inklusion von Menschen mit Behinderung mit Irina Angerer.

Alle unter einem Dach

Podcast

In der Folge "Ans Eingemachte" vom 02.10.2024 geht es um die Diskussion wie Zusammenleben in Zukunft aussehen kann.

Kinder-Welten-Kisten

Kinderbücher und Arbeitsimpulse für Kindergarten und Grundschule

Bücherkisten mit Arbeitsvorschlägen zu unterschiedlichen Vielfaltsaspekten der kindlichen Lebensrealitäten.