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Liebe und Abstand

Liebe und Abstand

Psychische Erkrankungen betreffen nie nur die Kranken selbst. Eine Tochter, ein Bruder und ein Angehörigenvertreter erzählen von permanenter Alarmbereitschaft, Scham, Schuldgefühlen und davon, dass Distanz manchmal lebensnotwendig ist.

Text: Lisa Frei

Illustrationen: Alice Makselj

Ein Artikel der Straßenzeitung zebra. vom Juni 2026

*Die Namen im Beitrag wurden von der Redaktion geändert


Alle Schulstufen

Als Anna* und ihre Geschwister in der Grundschule waren, kam ihre Oma oft zur Pausenzeit am Schulhof vorbei und steckte den Kindern belegte Brote zu. „Ich habe erst viele Jahre später verstanden, dass das kein Zufall gewesen ist“, sagt Anna heute. Neben der Jause fehlten den drei Geschwistern zuhause vor allem Struktur und Verlässlichkeit. Denn ihre Mutter war psychisch krank.

Achtsam und angepasst

Annas Vater starb früh und ihre Mutter war „irgendwie anders“, „schwierig“, „spinnte ein bisschen“, so erklärten es die Großeltern. Im Familienalltag war vieles unberechenbar. Die Mutter war manchmal erschöpft und schlief tagsüber, dann war sie wieder voller Ideen, rastlos und überschwänglich. „Alle im Dorf und in der Schule haben gewusst, dass etwas nicht stimmt“, sagt Anna. „Doch niemand hat hingeschaut.“ Anna ist heute Mitte dreißig und selbst Mutter. Sie weiß: „Kinder können nicht einschätzen, was normal ist und was nicht, wenn sie es nicht anders kennen. Sie können nicht für sich einstehen oder Hilfe organisieren.“

Als Kind lebte Anna ständig in Alarmbereitschaft. Ob die Mutter gerade „gut drauf“ war oder nicht, habe bestimmt, wie sich der Tag entwickelte. „Du bist immer damit beschäftigt zu schauen: Wie ist die Stimmung? Was passiert heute noch?“, sagt Anna. In depressiven Phasen blieb die Mutter tagelang im Bett und mit ihr alle Aufgaben im Haushalt liegen. Dann war sie wieder voller Energie, räumte nachts Möbel um, begann neue Projekte und traf Entscheidungen, die kurze Zeit später wieder verworfen wurden. Heute weiß Anna, dass ihre Mutter sehr wahrscheinlich an einer bipolaren Störung leidet. Hilfe holte sich die Mutter nie, von Medikamenten oder Therapie will sie bis heute nichts wissen.

Mit Problemen oder Anliegen konnte Anna nicht zur Mutter gehen. Stattdessen übernahmen die Großeltern viele Aufgaben. Die ältere Schwester kümmerte sich um den kleinen Bruder, holte ihn vom Kindergarten ab, kaufte ein. Anna ging in den Widerstand, galt als „rebellisches Kind“ und flüchtete sich so oft es ging zu Freundinnen nach Hause. Dort genoss sie einen Alltag mit Eltern, die zur Verfügung standen, geregelten Mahlzeiten, Ruhe und einem Gefühl von Geborgenheit. „Da habe ich gemerkt: Aha, so kann Familie auch sein“, sagt sie.

In depressiven Phasen blieb die Mutter tagelang im Bett und mit ihr alle Aufgaben im Haushalt liegen.

Heute wohnt Anna bewusst in einer anderen Gemeinde als ihre Mutter. Nicht aus Lieblosigkeit, sondern um sich selbst und ihre Familie zu schützen. Dass ihre Kindheit Spuren hinterlassen hat, merkte sie viele Jahre später: „Ich habe erst realisiert, wie sich Ruhe anfühlt, als ich ausgezogen bin.“ Mit Mitte zwanzig begann sie eine Gesprächstherapie. Da lernte sie erstmals, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen. Zu sehr war sie bis dahin damit beschäftigt gewesen, sich an die Stimmung zuhause anzupassen und irgendwie durchzukommen.

Heute fragt sich Anna auch, wie sie ihren Kindern die Besonderheiten der Oma erklärt. Die Treffen sind selten und manchmal besteht wochenlang kein Kontakt. „Ich muss vorher immer einschätzen, in welcher Phase meine Mutter gerade ist und wie viel Kraft ich selbst gerade aufbringen kann, um die Situation gut zu handhaben“, erklärt Anna. Dass ihre Mutter ihre Krankheit selbst nicht einsieht, muss Anna akzeptieren. Dabei hilft ihr vor allem Distanz. Trotzdem bleiben auch Schuldgefühle: „Manchmal wünsche ich mir, dass sie einfach Oma sein könnte. Ich weiß schließlich auch, dass sie ein großes Herz hat.“

 

Verdrängt und verschwiegen

Das Gefühl, als Angehöriger einer psychisch kranken Person zwischen Fürsorge und Selbstschutz zerrieben zu werden, kennt auch Karl*. Sein Bruder leidet an paranoider Schizophrenie. „Von dieser Diagnose habe ich aber erst erfahren, nachdem unser Vater gestorben ist“, erzählt er. Dieser hatte sich jahrelang allein um den Bruder gekümmert. Die Krankheit war weder medizinisch begleitet noch offen thematisiert worden. Dabei war für Karl schon früh klar gewesen, dass etwas mit seinem Bruder nicht stimme. „In der Pubertät zog er sich immer mehr zurück, sprach manchmal wirr und ging irgendwann kaum noch zur Schule.“

Doch gesprochen wurde zuhause kaum darüber. Psychiatrie sei damals ein Tabuthema gewesen, erzählt Karl. Statt Hilfe zu holen, habe die Familie vieles verdrängt. Alte Verwandte empfahlen Homöopathie oder „frische Luft“ für den verhaltensauffälligen Jugendlichen. Nach dem Tod der Mutter kümmerte sich der Vater jahrzehntelang allein zuhause um den Sohn. „Er ging früh in Pension und hatte irgendwann kein eigenes Leben mehr“, erinnert sich Karl. Professionelle Unterstützung holte er sich nicht und auf Karls Nachfragen wich der Vater stets aus. „Wahrscheinlich wollte er mich nicht belasten.“ Doch nach dem Tod des Vaters wurde Karl umso heftiger mit dem Ausmaß der Krankheit konfrontiert. Plötzlich war er die einzige Bezugsperson und in der Verantwortung. „Seitdem hatte ich das Handy nachts immer laut. Ich wusste nicht, was mich als Nächstes erwartet“, erzählt er.

Eines wird in Gesprächen mit Angehörigen deutlich: „Nur wer sich selbst nicht verliert, kann für andere da sein.“

Karl merkte schnell, dass sein Bruder Medikamente nicht regelmäßig nahm, Arzttermine verweigerte und jede Form von Kontrolle ablehnte. Mehrmals musste der Bruder psychiatrisch eingewiesen werden. Weil er zuvor im Hilfesystem kaum aufgeschienen war, dauerte es lange, bis ein Platz in einer geeigneten Struktur gefunden wurde und Unterstützungsmechanismen griffen. Es musste eine Sachwalterschaft beantragt und die bestmögliche Unterbringung organisiert werden. Es war ein Kraftakt, und oft fühlte sich Karl überfordert und alleingelassen. „Ich musste erst herausfinden, wie und wo ich Hilfe bekomme“, sagt er, und er bedauert, dass die Familie nicht schon viel früher diese Schritte gesetzt hatte: „Es wäre uns allen viel Leid erspart geblieben.“

Information und Orientierung

„Psychische Erkrankungen verändern Beziehungen, Familiengefüge und Alltage“, sagt Günther Plaickner, Präsident des Vereins Ariadne. Dabei sei das Umfeld maßgeblich für die Stabilisierung und das Wohlbefinden Betroffener. Unterstützung müsse deshalb nicht nur bei der Krankheit ansetzen, sondern auch dort, wo Menschen gemeinsam leben. Gerade das mache psychische Erkrankungen für Familien aber auch schwierig: „Anders als bei vielen körperlichen Krankheiten kommen psychische Leiden oft schleichend“, erklärt Plaickner. Veränderungen im Verhalten seien zunächst schwer einzuordnen, Krisen oder Probleme blieben oft jahrelang versteckt.

Bei psychischen Krankheiten ist die Hemmschwelle, sich Hilfe zu holen, immer noch hoch, und oft versuchen Angehörige lange, die Situation selbst zu bewältigen. Besonders ältere Generationen hätten Probleme oft verdrängt oder kleingeredet, weiß Plaickner. „Hilfe wird häufig erst gesucht, sobald eine Krise eskaliert“, sagt er. Auch der Zugang zu Unterstützung bei psychischen Erkrankungen sei nicht immer ganz einfach, denn während körperliche Beschwerden meist rasch diagnostiziert und medizinisch abgeklärt würden, herrsche bei psychischen Belastungen oft lange Unklarheit: Was ist noch schwierig und was bereits krank? Selbst wenn Diagnose und Behandlung irgendwann beginnen, geraten Angehörige schnell aus dem Blick: Sie organisieren Arzttermine, reagieren auf Krisen, übernehmen Verantwortung oder versuchen schlicht, den Alltag zusammenzuhalten. Gleichzeitig kämpfen viele mit Schuldgefühlen, Erschöpfung oder der Sorge, etwas falsch zu machen. Hinzu komme, dass es bei Erkrankten grundsätzlich zwei Gruppen gäbe: Jene, die ihre Krankheit verstehen und kooperieren, und jene, die dies nicht tun. Letzteres macht es für Angehörige besonders schwierig.

Um sie zu unterstützen, entstand bereits in den 1980er-Jahren aus einer Initiative von Eltern und Angehörigen der Verein Ariadne. Dieser bringt Betroffene, Angehörige und Expert*innen zusammen und organisiert Beratungen, Austauschmöglichkeiten und Informationsveranstaltungen. Ein zentraler Teil von Ariadne sind die Selbsthilfegruppen, die sich regelmäßig in verschiedenen Südtiroler Städten treffen. Dort gehe es weniger um schnelle Lösungen als um Austausch, sagt Plaickner, der als Angehöriger selbst eine Gruppe leitet: „Man merkt schnell, dass man nicht allein ist.“

Gleichzeitig sieht der Präsident von Ariadne weiterhin große Lücken im System. Besonders Kinder psychisch erkrankter Eltern würden oft übersehen. Sie gehen schnell in die Parentifizierung, übernehmen Verantwortung und Aufgaben, die ihrem Alter nicht entsprechen und sind oft besonders angepasst und „unauffällig“. Auch müsse konkrete Unterstützung stärker im direkten Lebensumfeld der Menschen stattfinden, nicht nur in akuten Krisen oder ausschließlich über Kliniken. Ariadne setzt sich deshalb auch für mobile Unterstützungsformen in der Familie ein. Denn eines werde in Gesprächen mit Angehörigen immer wieder deutlich: „Nur wer sich selbst nicht verliert, kann für andere da sein.“

Es sind Sätze wie diese, die zeigen, worum es Angehörigen oft geht: nicht nur um Entlastung, sondern auch darum, den geliebten Menschen hinter der Krankheit nicht zu verlieren. Das bedeutet auch, zu akzeptieren, dass Liebe allein nicht gesund machen kann und dass Unterstützung auch Grenzen hat. Angehörige müssen oft erst lernen, sich selbst zu schützen, ohne den anderen aufzugeben. Abstand werde von außen oft missverstanden, sagen Anna und Karl. Wer Grenzen setzt, gilt schnell als herzlos. Für Angehörige sei Distanz jedoch oft die Voraussetzung, überhaupt in Beziehung bleiben zu können.

Karl besucht seinen Bruder regelmäßig oder telefoniert mit ihm über Videoanruf. Er weiß ihn gut aufgehoben: „In guten Phasen macht er bei Aktivitäten im Heim mit, liest anderen Bewohnern vor und blüht richtig auf“, sagt er. Anna ist zur Mutter auf Distanz gegangen und plant die Treffen entsprechend ihren eigenen Energiereserven. Sie ringt bis heute damit: „Ich kann es nicht jeden Tag gleich gut annehmen“, sagt sie. Aber eines weiß sie inzwischen sicher: „Schweigen hilft niemandem.“

Der Südtiroler Angehörigenverband Ariadne trägt seinen Namen nicht zufällig: In der griechischen Mythologie ist Ariadne jene Frau, die Theseus einen Faden reicht, um nach Bezwingen des Minotaurus den Weg aus dem Labyrinth zu finden. Denn: Wer einen psychisch kranken Menschen in der Familie hat, verliert oft schnell selbst die Orientierung.


Kontakt: Verband Ariadne - für die psychische Gesundheit aller, Galileo-Galilei-Straße 4a 39100 Bozen; Tel. +39 0471 260 303; www.ariadne.bz.it

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